Welterbe — Es geht weiter….

Auf Einladung von Landrat Kai Seefried und dem örtlichen Landtagsabgeordneten Helmut Dammmann-Tamke hat die für Welterbeprozesse zuständige Referatsleiterin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), Dagmar von Reitzenstein, am 13. Januar 2022 den Landkreis Stade besucht. Den Wunsch der örtlichen Akteure nach einem klärenden Gespräch hatten die Landtagsabgeordneten Helmut Dammann-Tamke und Kai Seefried im vergangenen Herbst unmittelbar nach der negativen Entscheidung des Landes an den Kultur- und Wissenschaftsminister Björn Thümler herangetragen. In seiner jetzigen neuen Funktion als Landrat hat Kai Seefried dann die Koordinierung für den Besuch im Alten Land übernommen.

Gemeinsam wurden die Hintergründe für die ablehnende Entscheidung des MWK zur Bewerbung des Alten Landes um die deutsche Welterbe-Tentativliste erörtert und eine erste Strategie für zukünftige Perspektiven erörtert. Mit in der Gesprächsrunde dabei waren auch Kerstin Hintz und Silvia Hotopp-Prigge aus der regionalen Welterbeinitiative sowie die Bürgermeister der beiden antragstellenden Altländer Kommunen Timo Gerke (Samtgemeinde Lühe) und Matthias Riel (Gemeinde Jork). Am Ende des ausführlichen Gespräches steht eines fest: Die Region macht sich weiter auf den Weg und hält am Ziel des Welterbes fest.

Vor der Aussprache im Fährhaus Twielenfleth konnte Dagmar von Reitzenstein vor Ort zwei der vielen inhaltlichen Schwerpunkte der Welterbebewerbung des Alten Landes besichtigen:

Besucht wurde der gotische Kirchturm von St. Mauritius in Hollern. Es ist das älteste erhaltene Bauwerk im Alten Land. Der mächtige Rundturm wurde im Sietland Anfang des 13. Jahrhunderts im Zuge der Hollerkolonisation erbaut. Seine gut zwei Meter dicke Backstein-Außenmauer enthält unter anderem Granitsteinverbände, die noch aus der Epoche der Romanik stammen. Die Führung erfolgt durch Pastor Uwe Junge, der gleichermaßen auch die internationale Bedeutung der kirchlichen Arp-Schnitger-Orgel herausstellte.

Anschließend erfolgte der Besuch der Elbe-Obst Zentralstation in Bassenfleth. Axel Schuback, 1. Vorsitzender der Elbe Obst Erzeugerorganisation, organisierte eine Führung durch die Sortieranlage und unterstrich die Bedeutung des Obstanbaus für und in der Hollerkolonie Altes Land.

In der folgenden vertrauensvoll geführten Aussprache standen der zurückliegende Bewertungsprozess der Altländer Bewerbung, die Kommunikation in der Vorbereitung sowie eine zukünftige Ausrichtung im Mittelpunkt.

Natürlich ist die Betroffenheit der örtlichen Akteurinnen und Akteure über die Negativ-Entscheidung nach wie vor sehr groß. Wir waren uns sicher, auf einem sehr guten Weg unterwegs gewesen zu sein, müssen jetzt zunächst aber erstmal quasi an einer roten Ampel stoppen – auch diese wird aber auf gelb und dann auf grün umspringen, darüber waren sich alle Beteiligten einig.

Dazu rief auch Dagmar von Reitzenstein ausdrücklich auf und unterstützte die Beteiligten in ihrer eigenen Motivation ganz deutlich.

Auch wenn die negative Beurteilung der auf Landesebene eingesetzten Expertenjury nicht zurückgedreht werden kann, bekräftigte Dagmar von Reitzenstein die besondere Singularität des Altes Landes als Hollerlandschaft, die es zu bewahren und auszuzeichnen gilt. Die historische Expertise und Auswertung im Bewerbungsdokument bezeichnete sie als brillant, so dass damit wesentliche Voraussetzungen für zukünftige Schritte gegeben sind. Die geschichtliche Traditionsleistung der Region des Bearbeitens, des Bewahrens und des Vererbens der Kulturlandschaft ist und bleibt ebenfalls eine essentielle Grundlage von außerordentlichem kulturhistorischem Wert. Auch die Planung des Landes Niedersachsen, das Alte Land in der aktuellen Fortschreibung des Landesraumordnungsprogrammes als Vorranggebiet kulturelles Sachgut auszuweisen, ist der richtige Schritt auf diesem Weg und ein erster Teilerfolg. Mit ihrem persönlichen Besuch wollte von Reitzenstein auch noch einmal ihre Wertschätzung und Dankbarkeit für die Arbeit vor Ort zum Ausdruck bringen und unterstreichen, dass das Alte Land ein wirklich einzigartiges Zeugnis von historischen Kulturlandschaften innerhalb Niedersachsens darstellt.

Für den Blick in die Zukunft hatte von Reitzenstein gleich ein ganzes „Paket“ an Ideen und Anregungen für die Kommunen und ihre regionale Welterbeinitiative im Gepäck. Zentrales Element muss für die Zukunft die Weiterentwicklung der Hollerroute sein, dieses Ziel schreibt Dagmar von Reitzenstein der Region ins Buch. Genau dieser Aspekt war für die Expertenjury auf Landesebene in der Betrachtung der Bewerbung eine im Mittelpunkt stehende Entscheidungsgrundlage.

Dazu sollten Planungen aufgenommen und in den nächsten Jahren immer weiter schrittweise verwirklicht werden. Und es sollten, so die weitere an das Alte Land gerichtete Empfehlung, in einer gemeinschaftlichen Vorgehensweise Strategien mit Beteiligung der Wissenschaft und des Landesdenkmalamtes erarbeitet werden. Grundsätzliche Handlungsideen könnten dazu bereits in den nächsten Monaten entwickelt werden – zur Unterstützung wird Helmut Dammann-Tamke hierzu Björn Thümler als für Niedersachsen zuständigen Minister recht zeitnah ins Alte Land einladen, um einen Schulterschluss in der zukünftigen Zusammenarbeit sowie neue Kooperationsmöglichkeiten mit dem Ministerium abzustimmen. Denn, und das brachte Helmut Dammann-Tamke ebenfalls zum Ausdruck, Lücken in der Kommunikation, die zuletzt zu einer Vielzahl von Fragen geführt haben, sollen nunmehr definitiv der Vergangenheit angehören. Auch das war eine übereinstimmende Zielsetzung mit dem MWK im heutigen Evaluierungsgespräch.

Nach den geplanten Abstimmungen mit dem Kultur- und Wissenschaftsminister und seinem Team können die zukünftigen Schritte konkretisiert und dann auch in die weiteren Beratungen der kommunalen Gremien gegeben werden.

Die nächsten Bewerbungsmöglichkeiten um das Kulturerbe werden kommen, und auf diese sollten wir uns bereits jetzt gemeinsam vorbereiten, so der Appell von Landrat Kai Seefried. Das Alte Land ist und bleibt welterbewürdig und deshalb ist es auch für ihn als Landrat von besonderer Bedeutung, dass der Landkreis sich aktiv in den weiteren Prozess einbringen wird.

Die Enttäuschung unserer regionalen Akteurinnen und Akteure über den Ausgang des letzten Bewerbungsverfahrens konnte sich in diesem Evaluierungsgespräch in eine Geschlossenheit und eine neue Motivation entwickeln. Das macht Mut für neue Ideen und diese Signalwirkung soll auch den bisher am Prozess beteiligten Obstbauvertretungen und den kommunalpolitischen Gremien der Samtgemeinde Lühe und der Gemeinde Jork vermittelt werden. Alle Beteiligten fassten zum Abschluss das offene Gespräch für sich so zusammen: „Kurz ausgebremst und jetzt mit noch mehr Schub weiter nach vorn.“